Vortrag 22.5.2007 Würzburger Domschule von Pfarrer Jan Peter Hanstein zum Friedwald Schwanberg

Sehr geehrte Damen und Herren, sehr geehrter Herr Professor Dr. Haunerland, liebe Sr. Edith,

 

ich danke Herrn Dr. Dvorak für die Einladung zu dem Brennpunktthema in Ihrer ehrwürdigen Institution und dass ich als evangelischer Ortspfarrer von Rödelsee die evangelische Sicht und wie es sich für einen Evangelischen gehört auch seine persönliche Sicht in die Diskussion einbringen darf.

Rödelsee geht recht gelassen mit dem Thema um:

1) Friedwald und die christliche Tradition

Denn der Friedwald auf dem Schwanberg ist ja schon der vierte Ort der Totenbestattungen für knapp 1600 Einwohner:

Es gibt die Ortsfriedhöfe Rödelsee und Fröhstockheim und auch auf dem Schwanberg das Mausoleum der „Herren vom Schwanberg“ und der neue kleine Friedhof der Schwestern des CCR – das sind einmal drei – und was ist der vierte? Dieser ist der älteste und gleichzeitig vergessenste. In Rödelsee befindet sich einer der größten erhaltenen jüdischen Friedhöfe Deutschlands mit 2500 Gräbern. Der jüdische Friedhof Rödelsee 1563 gegründet als Bezirksfriedhof für viele umliegenden jüdische Gemeinden.

Wer sich diesen Friedhof ansieht, wird auch auf die urchristlichen Gebräuche zurückgebracht.

Das ewige Haus „bet olam“ , nennen Juden ihre Friedhöfe. Die Beerdigungspraxis der Juden war Vorbild für die ersten Christen und prägt unsere Vorstellungen bis heute. Ich möchte das mit einem Besuch von Rom verdeutlichen:

 

Wir besuchten eine der frühesten Katakomben. In den weichen Tuffstein gruben die Christen unter ein kleines Feld über 20 Kilometer Gänge. An den Seiten wurden Nischen herausgeschlagen, in denen Menschen beerdigt wurden. Auf der Marmorgrabplatte standen Name, Abschiedsworte und hoffnungsvolle Zeichen. Über 500 000 Menschen konnten so auf einer Fläche beerdigt werden, die gerade so groß war wie der Petersplatz in Rom. Kein Grab wurde zweimal benutzt. Jeder Mensch hatte seinen Platz. Wenn man so durch die Gänge läuft, gewinnt man den Eindruck eines riesigen unterirdischen Banktresors, in dem Schätze in Schließfächern aufbewahrt werden. Wertvolles ist verschlossen, bis eines Tages ein Berechtigter kommt und sie öffnen darf.

Die gestorbenen Menschen schlafen dort nur, bis Christus sie weckt.

Luther: Mit Fried und Freud fahr ich dahin in Gottes Wille, getrost ist mir mein Herz und Sinn, sanft und stille, wie Gott mir verheißen hat: der Tod ist mein Schlaf worden.

 

Ich schämte mich, als wir da unten herumliefen. Alle Gräber waren vor der Zeit geöffnet worden, Knochen und Beigaben als Andenken gestohlen worden. Wie wenig nehmen wir heute Rücksicht auf den Glauben und die Hoffnung unserer christlichen Vorfahren.

 

Weitaus die meisten Gräber waren Kindergräber. Die Christen haben damals viele ausgesetzte Kinder von der Straße aufgelesen und sich um sie gekümmert. Auch andere, die in den Einrichtungen der Christen starben, wurden christlich beerdigt in einer eigenen Nische. Es war für die Christen damals sehr wichtig, dass jeder und jede seinen Platz bei der Auferstehung haben soll. Sich um Sterbende und die Gestorben zu kümmern war von früh an ein Werk der Barmherzigkeit, an das Mutter Teresa in Kalkutta angeknüpft hat. Es geht nicht darum, nachträglich Kirchenzucht zu üben. Im Talmud heißt es: Wenn du einen Unbekannten tot im Straßengraben findest, beerdige ihn wie deinen eigenen Bruder.

 

Ein weiterer, ganz anderer Eindruck in Rom: Wir standen vor dem Severus Triumphbogen.

 In diesen sind in sorgfältiger Steinmetzarbeit Texte eingraviert worden. Auf diese Gravierungen wurden Eisenbuchstaben mit kleinen Stiften im Stein befestigt. Diese eisernen Buchstaben sind längst verloren gegangen. Nun sah man bei einem Wort, dass die Löcher der Stifte gar nicht mit der Gravur übereinstimmten wie sonst. Die Erklärung war: Ein Kaiser hat den Namen seinen Bruders entfernen lassen. Nichts sollte an den Ermordeten erinnern. Er sollte aus dieser Welt ausgelöscht werden.

Das war eine schlimme Strafe, denn man glaubte damals, dass die Schatten im Totenreich durch die Erinnerung der Lebenden erhalten werden. Je weniger sich an den gestorbenen Menschen erinnerten, desto eher verschwand auch der Schatten.

Deshalb strebten viele nach dem unsterblichen Ruhm. Wie heute noch - zur Not auch mit bösen Taten, wenn es für Gutes nicht reichte, wie der Mann, der deshalb einen schönen Tempel anzündete, damit sein Name auf ewig erinnert würde. Tatsächlich kennt man ihn noch heute...

Nach römischem Recht war ein Toter keine Person mehr, er wurde einfach entsorgt, verbrannt, zerstreut. Nur wenige konnten sich Denkmäler leisten.

Kurz zusammengefasst.

Heidnisch zählt das Gedenken der Menschen, christlich ist das Gedenken Gottes an die Toten.

Heidnisch ist die Angst vor dem Tod und dem Vergessenwerden, christlich „Mitten wir im Leben vom Tod umfangen“, eine christliche ars moriendi weiß um die Vergänglichkeit und vertraut sich Gottes Gedenken an.

Heidnisch ist die Vorstellung, in einem Zeitalter des kulturellen Verfalls zu leben, - christlich erinnern wir uns an die Toten, weil wir an die Zukunft Gottes glauben. Ich glaube, dass diese Hoffnung der Christen auf die Auferstehung und ihre Bemühungen um die Toten die Welt verändert haben.

Damit haben die Christen die Welt verändert und sich an die Spitze der Entwicklung gesetzt, anstelle die Veränderungen zu bejammern.

Christen erinnern sich aber der Toten und hofften auf die Zukunft, die in Gottes Händen liegt. Als Christen brauchen wir die Vergangenheit nicht zu beschönigen und zu bereinigen - unsere Erinnerung bestärkt uns in der Hoffnung auf Gottes Liebe und Erinnerung, die sich gezeigt hat in dem Sterben und Auferstehen des Christus Jesus. Natürlich: Uns heute kommt es auf den Platz und die Erhaltung des Leibes nicht mehr so an. Wir wissen, dass es nicht auf unsere Erinnerung ankommt, sondern dass Gott sich an uns erinnert. Dass er uns eingeschrieben hat in das Buch des Lebens. „Als Christen sind wir gleichsam Hüterinnen und Hüter der Erinnerung, verpflichtet durch das Gedenken Gottes selbst, dem kein menschliches Leben verloren geht.“

2) Der erste bayerische Friedwald

Nun also der erste bayerische Friedwald, der wohl nur mit der tatkräftigen Unterstützung in vier zähen Jahren Verhandlungen mit Pfründestiftung, CCR, Friedwald GmbH, Kommunen und zuletzt mit dem Denkmalschutz als evangelischer Friedhof mit prominenter Besetzung und viel Beteiligung am Sonntag eingeweiht wurde.

 

Aus evangelischer Sicht stellt sich die Alternative, ob wir in Kauf nehmen, dass immer mehr Gemeindeglieder auf eine kirchliche Begleitung verzichten und wegen einer oft rigeden Friedhofsbürokratie und unverhältnismäßigen Kosten sich in außerbayerischen Ländern beisetzen lassen oder ob neue eindeutige Trends aufgenommen und im Vorfeld beeinflusst werden können. So sehr sich zur Zeit auch dieser erste Friedwald in den Vordergrund schiebt, sollte nicht vergessen werden, dass sich im gesamten Bestattungswesen tektonische Verschiebungen stattfinden, die Herausforderungen und Chancen für die beiden Großkirchen ergeben. Die neuesten Friedhofsgesetze wie 2003 in NRW zeigen den konstruktiven Einfluss  der beiden Kirchen.

Es wird beides geben: den städtebaulichen Trend zu kleinen wohnortnahen Friedhöfen, wie Prof. Gerhard Friedrich im www.lebe-wohl.net betont. Und die entfernten, aber naturnahen Friedhöfe wie Friedwald etc. Da ist vergleichbar mit der Wahl des Wohnorts: nahe bei der Familie oder an den schönsten Stellen in Deutschland oder der Mittelmeerküste Spaniens.

 

Zu all diesen Entwicklungen ist zu sagen.

 

-          Für die evangelische Kirche ist dabei die kulturelle Tradition der Friedhöfe wichtig, aber theologisch nicht entscheidend – alle Regelungen sind sog. Adiaphora. Wie oben ausgeführt: Die Menschen gedenken dem Gedenken Gottes … Natürlich sind die Meinungen der evang. Pfarrer auch im Dekanat KT geteilt, kritisch vor allem diejenigen, die selbst konfessionell Friedhöfe verwalten, sie lieb gewonnen haben und auf ihre Kosten kommen müssen. Friedhöfe auf kirchlichen Pfründen wie der Schwanberg mit Nießbrauchrecht oder anderen rechtlichen Konstruktionen sind dabei nichts Ungewöhnliches.

 

-          Die evangelische Kirche hat die Bedeutung von Ritualen wieder entdeckt, versucht aber weniger die „alten“ Rituale durchzusetzen, als vielmehr Rituale so tief zu verstehen, dass sie individuell interpretiert und variiert werden können und doch nichts von ihrer Kraft verlieren. Es gibt für die Pfarrer beider Konfessionen die schwierige Gratwanderung zwischen einerseits Vermeidung von lieblosen einheitlichen Zwangsritualen und andererseits einer Beliebigkeit, die die Wiedererkennbarkeit der betroffenen Ritualen nicht mehr zulässt. Die biblische Metaphorik des Baumes. Der nach Ps1  „am Wasser gepflanzt“ ist, die „hohen Zedern des Libanons“, die Bäume des Garten Edens, der Feigenbaum in den Gleichnissen Jesu, der Weinstock und der Olivenbaum der Erwählungstheolgie des Paulus Röm 11 geben dazu reichlich Anhalt, ohne zwangsläufig pantheistisch werden zu müssen. Auch der gedanke eines natürlichen Kreislaufes kommt in den Worten „Erde zu Erde etc“ immer schon zum Ausdruck.

 

-          Eine nicht neue, aber immer aktueller werdende Herausforderung stellen die Gestorbenen dar, die keine engen Verwandten mehr haben, die schon lange ohne wirkliche Ortsbindung lebten und  für die dementsprechend auch die klassischen parochialen Vollzüge nicht passen. Ich glaube, dass hier der Schwanberg auch zu einem Versuchsfeld kirchlicher überparochialer Praxis bei Sterbebegleitung und Bestattung werden wird.

 

-          Indem die Kirchen ihre „Räume für die Ewigkeit“ öffnen und z. B. auch wieder häufiger Trauerfeiern in den Kirchen (und nicht nur in den Friedhofskapellen) zulassen, schaffen sie öffentliche Erinnerungsräume für die Toten, deren Gedenken nicht unbedingt an erreichbare oder konkrete Friedhöfe und Grabsteine gebunden ist.

 

-          Evangelische und katholische kirchenleitende Organe sind sich bei allen gemeinsamen Konsultationen einig, dass die Konfrontation mit Tod und Sterben nicht nur den Angehörigen überlassen werden kann. Entgegen aller Unkenrufe gibt es eine zunehmende Enttabuisierung und Entkrampfung der Gesellschaft im Umgang mit dem Tod. Der Friedwald bietet die Chance, dass sich noch lebende Menschen sich mit ihrem Ableben beschäftigen, und ich vermute sogar, dass es auf dem Schwanberg zu einem „Baumtourismus“ kommen wird, weil viele ihre schon reservierten Bäume im Laufe ihres Lebens immer wieder besuchen werden. Auch hier ergeben sich wichtige Kontaktpunkte für Seelsorge und Verkündigung.

 

Die evangelische Kirche hat sich in Bezug auf den Friedwald für gestaltende Aktivität entschieden. Die evangelische Kirche behält dabei die Initiative und volle Handlungsfähigkeit bei diesem neuen Bestattungswesen, hat gleichzeitig ihre Ansprüche durchgesetzt und durch ständigen Dialog auch die Friedwald GmbH verändert. „Grundlegende Vorbehalte“ aus der katholischen Kirche und einigen Teilen der evangelischen Christen wurden ernst genommen, aus landeskirchlicher Sicht mit der jetzigen Konstruktion aber auch ausgeräumt.

 

3) Wie stellt sich die evangelische Kirche nun im Idealfall eine Bestattung vor?

1)      Kontakt mit der Friedwald GmbH, um einen Baum zu kaufen. Aussuchen auf Wunsch mit den Schwestern des CCR.

2)      Evt. o.g. „Baumtourismus“

3)      Tod

4)      Zeitnaher Abschiedsgottesdienst/Trauergottesdienst mit Leiche innerhalb von 72 Stunden in der Wohnortgemeinde.

5)      Kremierung

6)      Beisetzung in kleiner familiärer Runde mit Unterstützung der Schwestern am Schwanberg.

 

Persönliches Fazit:

Oft wird es so wie geschildert ablaufen. Weitaus öfter aber als in der pfarramtlichen Praxis werden die Schwestern mit außergewöhnlichen, menschlich schwierigen und kirchlich gesehenen verfahrenen Situationen konfrontiert werden.

4) Schluss: Rilke 1907

Durch den neuen Friedwald ergibt sich eine neue soziale Realität, der wir uns in der evangelischen Kirche stellen. Ich hoffe, dass diese Erweiterung der wirklichen Wirklichkeit Gottes und seinen Möglichkeiten entspricht. Für die Kirche bleibt es vorerst ein Experimentierfeld, über dass Sr Edith mehr bericht wird.

Ich schließe nicht mit einem Bibelwort, sondern mit dem Gedichte von Rilke 1907:

 

TODES-ERFAHRUNG

Wir wissen nichts von diesem Hingehn, das
nicht mit uns teilt. Wir haben keinen Grund,
Bewunderung und Liebe oder Haß
dem Tod zu zeigen, den ein Maskenmund

tragischer Klage wunderlich entstellt.
Noch ist die Welt voll Rollen, die wir spielen.
Solang wir sorgen, ob wir auch gefielen,
spielt auch der Tod, obwohl er nicht gefällt.

Doch als du gingst, da brach in diese Bühne
ein Streifen Wirklichkeit durch jenen Spalt
durch den du hingingst: Grün wirklicher Grüne,
wirklicher Sonnenschein, wirklicher Wald.


Wir spielen weiter. Bang und schwer Erlerntes
hersagend und Gebärden dann und wann
aufhebend; aber dein von uns entferntes,
aus unserm Stück entrücktes Dasein kann

uns manchmal überkommen, wie ein Wissen
von jener Wirklichkeit sich niedersenkend,
so daß wir eine Weile hingerissen
das Leben spielen, nicht an Beifall denkend.

 

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und übergebe das Wort Sr. Edith.